Seminare SoSe 26 – Geschichte der Philosophie
Vorlesungen
Dozent: Prof. Dr. Mario Meliadò
Zeiten: Do., 16.04.2026 – 23.07.2026, 10–12 Uhr, c.t.
Ort: AR-B 2104/05
Beschreibung: Das Einführungsmodul „Geschichte der Philosophie“ besteht aus zwei aufeinander bezogenen Vorlesungen. Ziel des Moduls ist es, den Studierenden einerseits einen systematischen Überblick über die historische Entwicklung der Philosophie von der Antike bis zur Neuzeit zu vermitteln und sie andererseits mit den zentralen Fragestellungen, Methoden und Debatten vertraut zu machen, die die Philosophiegeschichte als moderne Disziplin prägen.
Die erste Vorlesung „Einführung in die Philosophiegeschichte: Grundfragen und Methoden“ (Sommersemester) führt in die theoretischen und methodischen Grundlagen der Philosophiegeschichtsschreibung ein. Auf dieser Basis bietet sie dann einen kritischen Überblick über die Philosophie der Antike, der den Studierenden ein differenziertes Verständnis des Gegenstandsbereichs sowie der zentralen Problemfelder der Philosophiegeschichte eröffnet. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Fragen nach dem Verhältnis der Philosophie zu ihrer eigenen Geschichte und Historizität, nach Ursprung und Definition der Philosophie, nach ihrem Verhältnis zu anderen Wissensformen sowie nach Sinn und Nutzen des Studiums der Philosophiegeschichte. Darüber hinaus werden Probleme der Kanonbildung sowie Perspektiven einer globalen und transkulturellen Philosophiegeschichte diskutiert und anhand unterschiedlicher Ansätze reflektiert.
Im Wintersemester schließt die zweite Vorlesung „Einführung in die Philosophiegeschichte: Epochen und Denktraditionen“ unmittelbar an diese Einführung an. Sie konzentriert sich auf exemplarische historische Stationen, Autoren und Strömungen der Philosophie und untersucht, wie sich philosophische Theorien und Praktiken in unterschiedlichen kulturellen, politischen, sozialen und religiösen Kontexten herausgebildet und weiterentwickelt haben. Ausgehend von der antiken Philosophie werden zentrale Positionen und Denktraditionen vom Mittelalter über die Renaissance bis zur Neuzeit rekonstruiert und zugleich grundlegende Transformationen, Überlieferungsprozesse und Paradigmenwechsel der Denkgeschichte sichtbar gemacht.
Die beiden Vorlesungen sind inhaltlich aufeinander abgestimmt, können jedoch bei Bedarf auch unabhängig voneinander oder – etwa aus studienorganisatorischen Gründen – in einer anderen Reihenfolge absolviert werden.
Seminare
Dozenten: Prof. Dr. Mario Meliadò und Prof. Dr. Gregor Nickel
Zeiten: Mi., 15.04.2026 – 22.07.2026, 10–13 Uhr, c.t.
Ort: AE-A 101
Beschreibung: Können philosophische ‚Beweise‘ – etwa über Gottes Existenz und Wesen sowie über die Ewigkeit der Welt oder ihren zeitlichen Anfang – den Anspruch auf notwendige Gültigkeit erheben, oder sind sie prinzipiell außerstande, den Anforderungen demonstrativer Gewissheit zu genügen? Wo verlaufen also die Grenzen begründeten menschlichen Wissens? Und wie verhält sich eine durch rationale Argumente gesicherte Vernunfterkenntnis zu den Lehrsätzen einer überlieferten Religion, die ihre Geltung aus der Autorität der Offenbarung beziehen? Das Seminar geht diesen Fragen anhand zweier Hauptwerke der islamischen Philosophie nach: al-Ghazālīs (gest. 1111) „Die Inkohärenz der Philosophen“ (Tahāfut al-falāsifa) und Ibn Rushds bzw. Averroes’ (gest. 1198) spätere Erwiderung „Die Inkohärenz der Inkohärenz“ (Tahāfut al-tahāfut). Die beiden Texte erlauben es nicht nur, eine wirkmächtige philosophische Kontroverse im islamischen Kulturraum zu rekonstruieren, sondern auch paradigmatisch konkurrierende Konzeptionen von Wissenschaft, Religion und Rationalität zu untersuchen und zu reflektieren.
Der persische Theologe und Philosoph Al-Ghazālī unterzieht in seiner Schrift zentrale Lehren zeitgenössischer und früherer Philosophen – insbesondere Avicenna (Ibn Sīnā) und al-Fārābī, die sich ihrerseits maßgeblich auf Aristoteles berufen – einer kritischen Prüfung. Im Zentrum stehen dabei Metaphysik und Naturphilosophie: Al-Ghazālī macht die methodischen Schwächen philosophischer Beweisverfahren und die mangelnde Verbindlichkeit ihrer Schlussfolgerungen in zwanzig grundlegenden Fragen sichtbar. Vernunft bleibt für ihn ein unverzichtbares Erkenntnisinstrument; wo sie jedoch über ihren legitimen epistemischen Bereich hinaus operiert, gerät sie in interne Inkonsistenz und in ein heikles Spannungsverhältnis zur Religion. Der andalusische Philosoph und Arzt Averroes antwortet auf diese Herausforderung, indem er die Voraussetzungen der Kritik al-Ghazālīs selbst ins Visier nimmt. Er verteidigt dabei nicht nur einzelne philosophische Positionen, sondern ist darum bemüht, den wissenschaftlichen Status der Philosophie neu zu bestimmen. In der „Inkohärenz der Inkohärenz“ hält er daran fest, dass Philosophie und Religion nicht in Konkurrenz stehen, sondern unterschiedliche Diskursebenen bedienen, wobei die Offenbarung auf die ethische Orientierung der breiten Gemeinschaft zielt und in symbolischer Sprache eine Wahrheit zur Darstellung bringt, welche der Philosophie im Modus wissenschaftlicher Demonstration zugänglich ist.
Im Seminar erschließen wir die zentralen Argumentationslinien beider Texte und analysieren die systematischen Konsequenzen der Kontroverse – etwa für Fragen nach Kausalität, Notwendigkeit, Ewigkeit und Zeit. Ziel ist es, die Debatte als exemplarisches Spannungsfeld der Philosophiegeschichte zu verstehen, an dem sich Grundprobleme des Verhältnisses von Vernunft, Glaube und philosophischer Kritik bündeln. Der Kurs ist interdisziplinär zwischen den Fächern Geschichte der Philosophie und Philosophie der Mathematik angelegt. Er spricht bewusst Studierende sowohl der Philosophie als auch der Mathematik an und beabsichtigt, ausgehend von einer fachlich heterogenen Seminargruppe unterschiedliche Perspektiven auf Rationalität, Beweis und wissenschaftliches Denken in das Lern- und Lehrgespräch zu integrieren und fruchtbar zu machen.
Dozent: Fabian Marx, M.A.
Zeiten: Mo., 08.06.2026 – 20.07.2026, 16–20 Uhr, c.t.
Ort: AR-M 0216
Beschreibung: Dass die Philosophie ihre Geschichte hat, ist trivial, dass sie ihre Geschichte sei, ein Paradoxon. Wie kann eine Disziplin mit ihrer eigenen Vergangenheit identisch sein? Für gewöhnlich würden wir bestreiten, dass das möglich ist. Zur Geschichte der Physik etwa gehört auch das geozentrische Weltbild, zur Physik im modernen Sinne aber gehört es – aus sehr guten Gründen – nicht mehr. Warum sollte es in der Philosophie anders sein? Ist das Vergangene, jedenfalls manches Vergangene, nicht auch hier obsolet, also durch den aktuellen „Forschungsstand“ überholt? Georg Wilhelm Friedrich Hegel meinte: Nein. Seine Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie sind nichts anderes als der Versuch, zu zeigen: Das Studium der Philosophie ist nichts anderes als das Studium ihrer Geschichte. Im Seminar werden wir uns – durch Lektüre der Vorlesungen, vor allem ihrer langen Einleitung – mit dieser Identitätsthese befassen. Kann sie überzeugen? Auf welches (philosophische? historische?) Problem ist sie eine Antwort? Und was heißt hier eigentlich „Philosophie“?
Das Seminar setzt keinerlei Vorkenntnisse der hegelschen Philosophie voraus. Eine erfolgreiche Teilnahme verlangt, sich aktiv am Seminar zu beteiligen und einen sehr anspruchsvollen Text gemeinsam einer minutiösen Lektüre zu unterziehen. Angelegt ist das Seminar auch als Einführung in das Lesen von Grundtexten der philosophischen Tradition und soll so auch für künftige Lektüren Hilfestellung bieten.
Dozent: Dr. Francesco Molinarolo
Zeiten: Mo., 13.04.2026 – 20.07.2026, 14–16 Uhr, c.t.
Ort: AR-NB 0102
Beschreibung: Aristoteles' „Physik“ ist einer der wichtigsten und einflussreichsten Texte in der Geschichte der Philosophie. Als Teil eines komplexen Korpus, das aus Aristoteles’ Vorlesungen am Lykeion hervorging und nahezu alle Bereiche menschlichen Wissens abdeckt, legt die „Physik“ die theoretischen Grundlagen der Naturwissenschaft des Philosophen dar. Der grundlegendste Gegenstand der „Physik“ ist die Welt in ihrer Veränderung und ihrem Werden. Aristoteles beschreibt dieses Konzept und präsentiert zugleich seine berühmte Theorie der vier Ursachen (Wirk-, Zweck-, Stoff- und Formursache). Weitere Schlüsselbegriffe werden untersucht, darunter die Begriffe Unendlichkeit, Zeit, Kontinuum und Leere. Diese Konzepte bildeten über Jahrhunderte die Grundlage aller Theorien der Naturphilosophie. Aristoteles’ „Physik“ gipfelt in einer Analyse der Bewegung, die zur Identifizierung eines unbewegten ersten Bewegers führt: Das letzte Buch der „Physik“ erscheint somit thematisch konvergent mit Aristoteles’ spezifisch metaphysischen Überlegungen.
In diesem Lektürekurs werden ausgewählte Passagen aus der „Physik“ eingehend untersucht, analysiert und diskutiert. Ziel des Kurses ist es, die Studierenden mit dem aristotelischen philosophischen Vokabular und seiner historisch-philosophischen Bedeutung vertraut zu machen. Methodisch zielt der Kurs darauf ab, Studierende mit einem Text vertraut zu machen, der allgemein als Klassiker der Philosophie gilt.
Dozenten: Prof. Dr. Mario Meliadò und Prof. Dr. Gregor Nickel
Zeiten:
- Mi., 15.04.2026 – 03.06.2026, 16–18 Uhr, c.t. (regulär)
- Sa./So., 17.07.2026 – 19.07.2026, 09–18 Uhr, c.t. (Exkursion)
Ort: AR-H 103 (mit Exkursion in die Cusanus-Bibliothek sowie einem Workshop an der Cusanus-Akademie)
Beschreibung: Philosoph und Mathematiker, ebenso Theologe und Jurist: Nikolaus von Kues (1401–1464), auch Cusanus genannt, gilt in den Handbüchern der Philosophiegeschichte als eine Schlüsselfigur, an der sich das Ende des Mittelalters und der Übergang zu einer neuen Epoche paradigmatisch verstehen lassen. Diese Deutung hat Cusanus selbst maßgeblich mitgeprägt: Der Anspruch, die philosophische Forschung methodisch und inhaltlich zu erneuern und mit der überkommenen Tradition und Denkform zu brechen, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Worin aber bestand dieses Neue, und in welchem Verhältnis steht es zu seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Überlieferung? Charakteristisch für Cusanus ist ein Paradox: Die scharfe Kritik am autoritätsgebundenen Buchwissen geht mit der Ausarbeitung eines Philosophie-Ideals einher, das wesentlich auf einer Kunst des Lesens und der Buchsammlung beruht. Die Bibliothek erscheint bei Cusanus nicht als bloßes Archiv, sondern als eine Werkstatt der Transformation und Neuordnung philosophischen Wissens.
Im Seminar erschließen wir das Denken des Cusanus aus seiner produktiven Auseinandersetzung mit der antiken Philosophie und Wissenschaft. Der Fokus liegt dabei auf seiner Kritik, Rezeption und Aneignung zentraler Autoren und Quellen: Sokrates, Platon und Aristoteles, Euklid und Ptolemäus, Epikur und die Stoa (vermittelt durch Diogenes Laertios), bis hin zu Proklos und Pseudo-Dionysius Areopagita. Dieser lebendige Dialog mit der Tradition lässt sich nicht nur in seinen Schriften verfolgen, sondern auch in Randbemerkungen und Annotationen, die Cusanus systematisch in seinen Büchern hinterließ.
Das Seminar gliedert sich in zwei Teile: Der erste Teil führt durch die eingehende Lektüre ausgewählter Schriften in das Denken des Cusanus ein; der zweite Teil ist mit einer Exkursion nach Bernkastel-Kues verbunden, bei der wir die Cusanus-Bibliothek im St. Nikolaus-Hospital besichtigen und uns im Rahmen eines Workshops intensiv mit der Lektüre- und Interpretationspraxis des Cusanus befassen. Die Handschriftensammlung des Cusanus, die heute noch in seinem Geburtsort aufbewahrt wird, zählt zu den bedeutendsten Privatbibliotheken des 15. Jahrhunderts und erlaubt einen einzigartigen Einblick in die Denk- und Lesewelt der Renaissance. Über den konkreten Fall des Cusanus hinaus vermittelt das Seminar grundlegende Kompetenzen historisch-philosophischer Forschung: Studierende erwerben ein vertieftes Verständnis dafür, wie philosophische Innovation aus der kritischen Arbeit am Überlieferten hervorgeht – ein Zugang, der für die Geschichte der Philosophie insgesamt von Relevanz ist.
Der erste Teil des Seminars findet regulär bis zum 3. Juni 2026 im wöchentlichen Rhythmus statt. Der zweite Teil wird vom 17. bis 19. Juli 2026 als Blockveranstaltung in Bernkastel-Kues durchgeführt: er ist mit einer Exkursion in die Cusanus-Bibliothek sowie einem Workshop an der Cusanus-Akademie verbunden. Organisatorische Details werden in der ersten Sitzung besprochen.
Dozent: Dr. Francesco Molinarolo
Zeiten: Di., 14.04.2026 – 21.07.2026, 12–14 Uhr, c.t.
Ort: H-C 7326
Beschreibung: The question "are we free?" has an infinite number of nuances and can be approached from various disciplinary perspectives. Theological, juridical, and psychological answers can be found there. However, the question is primarily philosophical. What does "will" mean? What does it mean to "be free" and "make a choice"? The history of philosophy offers no unequivocal answer to these questions. At the same time, philosophers have been interested in this issue for centuries. Since antiquity, the relationship between will and natural causality has been explored, for example by Aristotle, the Stoics and Alexander of Aphrodisias. In the Middle Ages, the search for the meaning of free will was influenced by theological and religious concerns: Augustine’s On Free Will is just one of the many examples of the medieval fortune of this debate. The tension between philosophy and theological thought exploded in the early modern age, with the famous dispute between Erasmus and Martin Luther. But the discussion went on, until the dawn of the contemporary era.
In the course of this seminar, we will examine and problematize some relevant theories on free will from antiquity to the early modern period. Following a historical-philosophical method of investigation, we will contextualize the different interpretations, trying to interpret them both with respect to their own context, and as for the theoretical-philosophical relevance they still hold. Purpose of this seminar will be to get acquainted with a relevant philosophical issue in a diachronic and comparative fashion, and to question the texts to obtain answers that may still be valid in contemporary times.
Kolloquien
Dozent: Prof. Dr. Mario Meliadò
Zeiten: t.b.a.
Ort: t.b.a.
Beschreibung: Das Philosophiehistorische Kolloquium ist eine forschungsorientierte Veranstaltung mit Werkstattcharakter, die darauf abzielt, Studierende in aktuelle Debatten und Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens im Bereich der Philosophiegeschichte einzuführen. Die Studierenden haben die Möglichkeit, ins Gespräch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Bereich der Philosophiegeschichte zu kommen und deren Forschung näher kennenzulernen.
Das Kolloquium besteht in diesem Semester (neben einer Einführungs- und Abschlusssitzung) aus drei zweitägigen Workshops, die jeweils am Donnerstagnachmittag (14–18 Uhr, c.t.) und Freitagvormittag (10:00–13:30 Uhr) stattfinden. Am Donnerstagnachmittag halten zwei externe Gäste zu korrelierten Themen jeweils einen Vortrag, gefolgt von einer gemeinsamen Diskussion. Am Freitagvormittag führen die Vortragenden jeweils eine Lektüre zu einem kurzen Text durch, der mit dem Thema des Vortrags verbunden ist und allen Teilnehmenden im Vorfeld bereitgestellt wird. Dieses Format bietet die Gelegenheit, in moderierter Runde close reading vorzunehmen und gemeinsam mit den Studierenden Interpretationsergebnisse zu erarbeiten.
Ziel des Kolloquiums ist es, einen produktiven Dialog zwischen den Gästen zu ermöglichen und die Studierenden aktiv in diesen Austausch einzubinden. Das Kolloquium beabsichtigt ferner, die fachliche und methodische Reflexion der Studierenden im Hinblick auf frühe Forschungserfahrungen zu unterstützen und die Aneignung von Schlüsselkompetenzen zu fördern, die bei der Konzipierung und Ausführung einer Abschlussarbeit oder eines wissenschaftlichen Essays von Relevanz sind.