Steiniger Weg, großartige Unterstützung
Stolz zeigt Dr. Dr. Shanmugapriya Periyannan ihr Handydisplay. Darauf zu sehen ist ein Foto von ihr und einer Gruppe junger Wissenschaftler*innen – zusammen mit der ehemaligen deutschen Bundeskanzlerin, Angela Merkel. Die Aufnahme entstand bei der diesjährigen Nobelpreisträger-Tagung in Lindau, bei der Periyannan die Universität Siegen vertreten durfte. Neben Nachwuchsforschenden aus aller Welt und Nobelpreisträger*innen traf sie dabei auch Merkel und hatte Gelegenheit, an einer gemeinsamen Diskussion mit ihr teilzunehmen. Ein Ereignis, von dem die 38jährige, die als Postdoc an der Uni Siegen arbeitet, einige Jahre zuvor niemals zu träumen gewagt hätte.
Als erstes Mitglied ihrer gesamten Familie besuchte Shanmugapriya Periyannan überhaupt eine Universität. In ihrer Heimat in Südindien schaffte sie erst den Bachelor-Abschluss – und schließlich den „Master of Technology“. Während des Masterstudiums entdeckte Periyannan die Nanowissenschaften für sich – den Bereich, für den sie brennt und in dem sie bis heute forscht: seit drei Jahren im interdisziplinären MSCA COFUND-Projekt „STAR“ (Sensing & Sensibility) der Universität Siegen, wo sie neue Ansätze für nachhaltige Energietechnologien entwickelt. Um das zu erreichen, hat sie einen steinigen Weg hinter sich gebracht und viele Hindernisse gemeistert.
„Nachdem ich in Indien mein Masterstudium abgeschlossen hatte, wollte ich unbedingt in Nanotechnologie promovieren“, erzählt Periyannan. Anderthalb Jahre lang schrieb sie über hundert Bewerbungen. „Ich war damit komplett auf mich gestellt – es war hart“, erinnert sie sich. Umso größer die Erleichterung, als endlich eine Zusage kam: Für ein internationales Promotionsprogramm, gefördert durch die Marie Sklodowska-Curie-Maßnahmen (MSCA) der Europäischen Union – zu absolvieren je zur Hälfte an der Universität Liège (Belgien) und an der TU Darmstadt. „Ich hatte noch nie zuvor meine Heimatstadt verlassen. Außerdem war ich inzwischen verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Bei meiner Familie musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten, um die Stelle antreten zu können“, sagt Periyannan.
Im Winter 2015 war es dann soweit: Periyannan reiste sie nach Belgien – allein: ihren Mann und ihren kleinen Sohn musste sie in der indischen Heimat zurücklassen. „Am Anfang war es furchtbar. Ich habe die beiden so vermisst und mich so allein gefühlt“, erzählt Periyannan. Diesmal war es jedoch ihre Familie, die ihr Mut machte und sie überzeugte, zu bleiben. Vier Jahre und viele wechselseitige Besuche später hatte sie es tatsächlich geschafft: Sie hielt ihre doppelte Doktorurkunde in Chemie und Materialwissenschaften der Universitäten Liège und Darmstadt in den Händen.
Im Anschluss kehrte Periyannan zunächst zu ihrer Familie nach Indien zurück. Die Corona-Pandemie brach aus. Shanmugapriya Periyannan und ihr Mann bekamen noch eine kleine Tochter. Die frischgebackene Zweifach-Mutter nahm eine Postdoc-Stelle an einem technologischen Institut in Madras an. Einerseits froh, wieder forschen zu können, kämpfte sie gleichzeitig mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der indischen Akademia. Für eine erneute, große Veränderung sorgte schließlich eine „Cold Mail“ – eine E-Mail, die Periyannan proaktiv nach Deutschland sandte und in der sie von sich und ihren Forschungsfragen schrieb. Die Empfängerin war Prof. Dr. Manuela Killian, die an der Universität Siegen die Professur für Chemie und Struktur neuer Materialien inne hat. Sie schrieb Periyannan zurück und begann, sich zusammen mit ihr auf Stellensuche in Deutschland zu machen.
Etwa zwei Jahre später dann der Erfolg: Mit Unterstützung von Prof. Dr. Killian und Prof. Dr. Benjamin Butz erhielt Periyannan eine Postdoc-Stelle im interdisziplinären „STAR“-Programm der Universität Siegen; ein internationales Mobilitäts- und Karriereförderprogramm für Forschende. Es soll hochqualifizierten Nachwuchswissenschaftler*innen ermöglichen, eigene, innovative Forschungsvorhaben umzusetzen. Ende 2023 stieg Shanmugapriya Periyannan also erneut in den Flieger nach Deutschland – dieses Mal zusammen mit ihren beiden Kindern. Seitdem hat sie in Siegen eine neue Heimat gefunden: Privat, vor allem aber in ihrer Forschung.
An der Universität Siegen forscht Periyannan institutionsübergreifend in der Arbeitsgruppe von Prof. Killian und im Department Maschinenbau, bei Prof. Butz. Sie untersucht, wie einzelne Atome auf speziell entwickelten Oberflächen Sonnenlicht hocheffizient nutzen können. Das Ziel ist es, chemische Prozesse nachhaltiger zu gestalten – zum Beispiel den Abbau von Schadstoffen oder die Erzeugung sauberer Energieträger.
Für ihre innovative Forschung an der Schnittstelle zwischen Chemie, Physik, Material- und Nanowissenschaften wurde Periyannan inzwischen schon mehrfach ausgezeichnet: Im Dezember 2025 wurde sie als „MSCA Fellow of the Month“ der Marie-Sklodowska-Curie Actions geehrt. In diesem Sommer schließlich wurde sie für die exklusive Teilnahme an der Lindauer Nobelpreisträgertagung ausgewählt.
„All das wäre niemals möglich gewesen ohne die großartige Unterstützung, die ich hier an der Uni Siegen bekommen habe“, sagt Periyannan. Sie meint damit ihre Mentorin Prof. Killian und Prof. Butz – insbesondere aber auch das International Office der Universität, das bei beruflichen wie persönlichen Fragen jederzeit zur Stelle war. „Mitarbeiterinnen des International Office haben mir bei der Schulwahl für meinen Sohn geholfen und mich sogar zu Gesprächen an der Schule begleitet“, berichtet Periyannan. Auch bei der Wohnungssuche oder der notwendigen Bürokratie habe sie jede erdenkliche Unterstützung erhalten.
Periyannan ist es wichtig, das zurück zu geben. Außerdem möchte sie Mädchen und junge Frauen ermutigen, ihren Weg zu gehen: Unabhängig zu sein, den eigenen Interessen zu folgen – und gerade auch im MINT-Bereich zu forschen. Dazu unterstützt sie Master-Studierende an der Universität Siegen. Und sie hält regelmäßig Vorträge an ihrer ehemaligen Schule und Universität in Indien. Auch diesen Sommer ist sie wieder dort und wird jungen Frauen Mut machen. Ebenso, wie ihre Eltern, die Nachbarn, Freunden und Bekannten im Dorf immer wieder die Geschichte ihrer Tochter erzählen, um ihnen zu vermitteln, das indische Frauen in der Wissenschaft ihren Weg machen können – auch jenseits der Landesgrenzen. „Ich musste anfangs viel Überzeugungsarbeit leisten. Aber heute ist meine Familie sehr stolz auf mich“, sagt Dr. Dr. Shanmugapriya Periyannan.