Wie die Stimme frei und gesund bleibt
Der Klang der Stimme gehört zu uns wie die Augenfarbe. Aber wir hören ihr nicht genug zu, pflegen und lieben sie zu wenig. Für Irene Carpentier ist ihre Stimme ihr Instrument. Sie ist ausgebildete Sopranistin, aber auch Gesangspädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department Erziehungswissenschaften der Universität Siegen. Sie coacht Studierende und Lehrkräfte im Umgang mit der Stimme und sie forscht zu dem Thema. Gefördert durch die Heidehof Stiftung arbeitet sie am Projekt „Stimmt! Gesunde Lehrerstimme für bessere Lernbedingungen in der Klasse“.
Was kann man für die eigene Stimme tun? „Wichtig ist eine freie Haltung und eine freie Atmung“, erklärt Irene Carpentier. Die Stimme ist ein sensibles Organ. „Wir wissen nur zu wenig darüber, wie wir dieses Organ richtig nutzen und gesund erhalten können.“ Im Zuge ihres Gesangsstudiums hat sich Irene Carpentier intensiv damit beschäftigt. „Denn ich bin keine Natursängerin“, lacht sie. „Mein Stimme hat nicht einfach gemacht, was die Dozenten von mir wollten, und deshalb habe ich mich gefragt, wie Singen ganz genau funktioniert. Warum klappt es an einem Tag gut und am nächsten nicht mehr?“
Sie hat sich mit physiologischer Gesangstechnik auseinandergesetzt und bei der Gesangspädagogin Judith Lindenbaum an der Universität Köln weiter in diese Richtung studiert. „Wenn der Körper im Einklang ist, wenn alle Muskeln das machen, wofür sie da sind, dann wird die Stimme das Beste von sich geben, was sie hat.“ Statt Tonleitern habe sie alternative Gesangsübungen gemacht, „die man eher als ein Fitness-Training für die Stimme beschreiben könne“, erklärt Irene Carpentier, die aus Belgien stammt und seit 2019 an der Universität Siegen tätig ist. Eine vereinfachte und vom Singen befreite Version dieser Übungen gibt sie im Coaching an die Lehramtsstudierenden weiter.
Im Rahmen ihres Forschungsprojekts habe sie festgestellt, dass fast 30 Prozent der angehenden Lehrerinnen und Lehrer mittelschwere bis schwere Stimmprobleme haben. „Das Coaching wird daher eher von denjenigen wahrgenommen, die spüren, dass ihre Stimme nicht immer das macht, was sie wollen.“ Später im Beruf werden sie bis zu sechs Stunden am Tag reden müssen. „Es ist deshalb wichtig zu wissen, wie man die Stimme gesund erhält“, sagt Irene Carpentier.
Dazu gehört nicht nur Stimmhygiene, sondern zu erkennen, welchen Einfluss Emotionen, die Haltung, die Atmung, aber auch Hormone, Verdauung oder bestimmte Nahrungsmittel haben. „Ich würde zum Beispiel nie Nüsse vor einem Konzert oder einem Vortrag essen.“ Schokolade dagegen verschleime. „Diese Reaktionen sind aber individuell und dazu noch unterschiedlich ausgeprägt. Man kann lernen Gewohnheiten, die die Stimme fördern oder eben nicht, zu entdecken und zu verändern.“ Das bedeutet Übung. In ihrem Coaching zeigt Irene Carpentier wie es geht. In der Gruppe und im Einzeltraining. „Da die Stimme aus Muskeln besteht, braucht es ein etwas längeres Training, um sie umzuschulen." Deshalb werden die Lehramtsstudierenden etwa drei Monate lang begleitet.
Eine klare und präsente Stimme helfe, andere zu überzeugen und zu inspirieren: im Unterricht oder im Gespräch mit Kolleg*innen oder Vorgesetzten. Außerdem wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass eine gesunde Lehrer*innenstimme eine wesentliche Voraussetzung ist für eine optimale Sprachverarbeitung der Kinder im Unterricht.
Irene Carpentier hat auf Anregung des Uni-Gleichstellungsbüros auch ein Coaching für Mitarbeiterinnen der Universität angeboten. Die Resonanz war riesig. Es gab doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze. „Daran sieht man, wie groß das Interesse an dem Thema ist“, so die Gesangspädagogin, die auch den Einfluss von Hormonen auf die Stimme und Veränderungen in der Menopause bei dem Kurs in den Blick nahm.
Wenn Irene Carpentier von ihrer Arbeit erzählt, klingt das lebendig, heiter, sanft. Einfach schön in den Ohren. Und wenn man das nachahmen, selbst so sprechen möchte? Sie seufzt. „Stimme ist Identität und wenn ich meine Stimme selbst nicht mag oder jemand anderes mag meine Stimme nicht, dann ist das für manche ein Grund die Stimme zu verändern. Frauen versuchen tiefer zu sprechen, weil sie denken, sie würden dann ernster genommen.“ Andere würden sich bewusst eine bestimmte Intonation angewöhnen. „Es gibt tatsächlich Trends, wie Vocal Fry, wodurch die Sing- oder auch Sprechstimme kratzig und gezielt gedehnt klingt.“ Irene Carpentier hält davon nichts. „Eine Stimme klingt gut, wenn wir sie frei benutzen und dann ist sie auch sehr leistungsfähig.“
Und wenn einem buchstäblich vor Aufregung die Stimme wegbleibt, bei einem Vortrag oder einer Wortmeldung? Hat die Gesangpädagogin einen Trick? „Ausatmen. Wenn wir aufgeregt sind, werden die Stimmregionen nicht mehr so gut durchblutet. Der Hals wird trocken oder kribbelt.“ Die Stimme selbst sei nicht das Problem, sondern der Adrenalinstoß, mit dem der Körper klarkommen muss. „Also kurz einatmen und lange ausatmen, dann wird die Stimme wieder ansteuerbar – und wir finden auch unsere Worte besser.“
Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 3/2025 der Uni-Zeitung Querschnitt.