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Wie es Euch gefällt - Eine Geschichte des Geschmacks

Samstags um 12 mit Prof. Dr. Ulrich Raulff: "Wir werden nicht in Zwangskostüme gesteckt, sondern haben die Möglichkeit unseren ästhetischen Eigensinn zu entwickeln"

Ulrich Raulff - Samstags um 12 18-04-2026

Dr.in Isabel Maurer Queipo und Prof. Dr. Ulrich Raulff beim Semesterauftakt des Formats "Samstags um 12".

Gibt es „guten“ und  „schlechten“ Geschmack? Kann man „guten“ Geschmack erlernen und trainieren, „schlechten“ Geschmack kultivieren? Oder gilt in Geschmacksfragen grundsätzlich: „Wie es Euch gefällt!“ Auf eine vielschichtige Reise in die Geschichte des Geschmacks geleitete Prof. Dr. Ulrich Raulff im Rahmen des Semesterauftakts von „Samstags um 12“. Die Geschmacks-Facetten waren kunterbunt, reichten vom Film-Klassiker „Frühstück bei Tiffany“ (1961) über Diderots Morgenmantel, die Geschichte des Porzellans bis hin zur Bedeutung von Farben und zum Kultobjekt Handy. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Isabel Maurer Queipo.

Der Titel mit Rückgriff auf Shakespeare wurde bewusst gewählt: „Er ist so wunderbar griffig.“ Denn: „Es soll um das Gefallen gehen. Alles, was Euch gefällt, ist gut.“ Heutzutage ist das Gefallen auch ein wenig gefällig. Vor allem in Sozialen Medien wird schnell gelikt – Finger hoch oder runter, top oder down. „Wir bewerten fast alles.“ Dabei, so Isabel Maurer Queipo, ist Geschmack durchaus intuitiv, bei dem auch das Innere eines Menschen entscheidet. Raulff: „Dieses Alles steht natürlich auch für ein persönliches Profil, das nicht zuletzt durch unser Aufwachsen geprägt ist.“ Und weiter: „Man darf eher den Verstand eines Menschen anzweifeln als ihm den Geschmack absprechen.“ Der Geschmack sei die Antenne in die Welt: „Er ist ein ganz wichtiges Tastinstrument, das wir entwickelt haben.“ Isabel Maurer Queipo: „Der Geschmack macht uns aus.“

Es gibt Zeiteinheiten des Geschmacks – die 60er oder 70er Jahre beispielsweise. Raulff: „Manche sind uns heute peinlich.“ Manche kehren nach Jahrzehnten wieder. Vintage sei nicht nur ein Modebewegung, „sondern hat auch einen ernsthaften Hintergrund“.

Mit Blick auf Shakespeare und den gewählten Buchtitel unterstrich Raulff die Sonderrolle Englands hinsichtlich des Geschmacks: „Die Engländer haben den schlechten Geschmack auch als nationale Eigenschaft mit kultiviert.“ Der Geschmack sei in England eine Art Adelsprädikat: „Man kann mitreden.“ Die Unterscheidungsfähigkeit sei wichtig – „man muss Unterschiede erkennen und machen“.

Tastemaker, Influencer, Zeitgeist, Werbung beeinflussen unseren Geschmack. Raulff: „Wir werden aber nicht in Zwangskostüme gesteckt, sondern haben die Möglichkeit, unseren ästhetischen Eigensinn zu entwickeln.“ Und weiter: „Ich wollte nicht nur über Tastemaker schreiben, sondern auch über Dinge.“ Ein Beispiel ist das Porzellan. Bis ins 17. Jahrhundert hinein galt das chinesische Porzellan in Europa wegen seiner Zartheit, Farbgebung und des Designs als Inbegriff der gehobenen Tischkultur. Raulff: „In Europa wurde Keramik produziert.“ In Delft gelang es schließlich, dem chinesischen Porzellan Ebenbürtiges zu schaffen. Das Delfter Porzellan machte schließlich dem chinesischen Konkurrenz. Dann kam Wedgwood und mischte mit antiken Vorlagen den weltweiten Markt auf – Copy und Countercopy führten nicht selten zu großen kulturellen Austauschprozessen. Raulff: „Das Neue kommt durchs Kopieren des Alten, bei dem etwas schief läuft.“