Wird der Mensch in Zukunft zur maschinellen „Superspezies“ entwickelt und abgeschafft?
Koordinator Max Barnewitz und Prof. Dr. Toni Loh im Forum Siegen.
Ist der Mensch derart optimierbar, dass der Tod keine Perspektive mehr hat? Ist dieses potenziell zur Unsterblichkeit optimierte Wesen noch ein Mensch? In Anbetracht zum Teil rasanter technologischer Entwicklung und damit bereits jetzt verbunden wachsender Lebenserwartung ist diese Fragestellung spannend. Aufgegriffen wurde diese im Rahmen der letzten Semesterveranstaltung von Forum Siegen zum Thema „Alles heilbar im Humanismus reloaded? Zukunftsvision des Trans- und technologischen Posthumanismus“ von Prof. Dr. Toni Loh (Angewandte Ethik – Insbesondere Ethik und Transformation, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg).
Der Vortrag wird zunächst mit Ausführungen zum Begriff des „Humanismus“ eröffnet. Dieser entstand in seinen Ursprüngen im 18. Jahrhundert aus Ideen der Aufklärung und basiert auf einer Lebenseinstellung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Der Humanismus geht davon aus, dass jeder Mensch von Natur aus wertvoll sei, Vernunft und die Fähigkeit besitze, sein Leben selbstbestimmt und verantwortungsbewusst zu gestalten.
Im Erdzeitalter des Anthropozäns, so die These, stoße diese Idee an ihre Grenzen. Der Mensch sei über sich hinausgewachsen; er wurde zu einem maßgeblichen Einflussfaktor auf biologische, geologische und atmosphärische Prozesse der Erde. Die Ausbeutung, Verschmutzung und tiefgreifende Verletzung der (Um-)Welt ist menschgemacht – mit allen zum Teil desaströsen Folgeerscheinen. Theorien des Trans- und Posthumanismus greifen dies meist auf und stellen Vorschläge zur Diskussion, die über den Humanismus hinauszuweisen versuchen. Diese zeichnen sich jedoch – und darauf legt Toni Loh in dem Vortrag wert – durch erstaunliche Spannweiten in ihrer Ausgestaltung aus.
So basieren etwa transhumanistische Zugänge auf dem Gedanken, Menschen durch radikale Verbesserung zu einem posthumanen Wesen weiterzuentwickeln, also einen Menschen x.0 zu schaffen. Körper und Geist werden durch technologische Weiterentwicklung optimiert; Technik ist dabei das wichtigste Mittel der Wahl für den Menschen und dessen Leben. Am Horizont stehen dabei Fragen radikaler Lebensverlängerungen bis hin zum (vermeintlichen) Ideal einer Unsterblichkeit – etwa in Form der Kryonik.
Beim technologischen Posthumanismus hingegen liegt der Fokus auf der Verschmelzung von Mensch und Technik. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz, Genetik oder Cyborg-Technologien (wie Implantaten) soll der Mensch als gebrechliches Wesen überwunden werden. Am Horizont steht hier die Kreation einer neuen maschinellen Super- Spezies, einer Super-KI oder eines Supercomputers. Technik wird hier anders als noch im Transhumanismus zum Sinn und Zweck. Dabei wird das Menschenbild um den Körper reduziert und auf den Geist beschränkt. Letzteren gelte es zu erhalten, während der Körper als allzu Menschliches zurückgelassen werden soll. Im Versprechen eines „Mind Uploading“ erfährt diese Perspektive eine exemplarische Verdichtung.
Toni Loh widerspricht beiden Zugängen vehement und plädiert stattdessen für einen kritischen Posthumanismus: „Es geht darum, Dichotomien wie Mann/Frau, Natur/Kultur oder Subjekt/Objekt zu hinterfragen und aufzubrechen.“ Durch die Kritik an menschenzentrierten Weltbildern soll sich die Perspektive eines Umdenkens eröffnen, die den Fokus eher auf Fragen der Beziehungen zwischen der Welt und ihrer Umwelt richtet – und auf damit verwickelte Machtstrukturen. Dabei verschwimmen die althergebrachten Grenzen zwischen Natur und Kultur, zwischen Mensch und Technik, zwischen Belebtem und Unbelebtem. Jene Perspektiven des Transhumanismus und des technologischen Posthumanismus hingegen hielten letzten Endes jedoch an der zentralen Positionierung des Menschen fest. Dies ist es, was Toni Loh zu der Überlegung führt, es handele sich dabei letzten Endes um alten Wein in neuen Schläuchen – eben um einen „Humanismus reloaded“.
Schlussendlich gehe es – so Toni Loh – um einen kritischen Blick auf jene Versprechen, die jenen althergebrachten, menschenzentrierten Humanismus schlicht fortzusetzen versuchen. Denn hier drohen sich die Versprechen der Zukunft als Vergangenes zu offenbaren, inklusive all jener Fallstricke, die Toni Loh zufolge bereits humanistische Perspektiven straucheln ließen.