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„Zwischen Stilisierung und Realität. August Hermann Franckes ‚Reise ins Reich‘ (1717/18) und die Etablierung des Pietismus als Spielart lutherischer Kirchlichkeit in Deutschland“

Sechs Wochen Urlaub erbat sich August Hermann Francke, die führende Gestalt des hallischen Pietismus, vom preußischen König nach der turnusmäßigen Beendigung seines Prorektorats im Juli 1717. Tatsächlich dauerte die bewilligte Erholungsreise, die er mit seinem Sohn und zwei Mitarbeitern absolvierte, mehr als 30 Wochen und wurde zu einer „Art Missionsreise“ (Gustav Kramer 1875, 187) und „einem kräftezehrendes Propagandaunternehmen“ (Horst Weigelt 2001, 208), so die bisherige Forschung. Diese zielte auf die Verbesserung des Rufs der hallischen Universität und der von Francke gegründeten Glauchaer Anstalten ab.

Das von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderte und in Kooperation mit den Franckeschen Stiftungen zu Halle durchgeführte Projekt möchte auf Grundlage des Francke-Tagebuchs, der umfangreichen während der Reise geführten Korrespondenz, gehaltenen Predigten und verfassten Reiseberichte die Bedeutung der sogenannten „Reise ins Reich“ zur Etablierung des Pietismus als Spielart luthersicher Kirchlichkeit im Alten Reich untersuchen. Inwiefern die Reise durch Thüringen, Hessen, Württemberg und Bayern intendiert oder Ergebnis situativer Interaktionen und steter Absprachen mit Berlin war, soll ebenso erforscht werden wie die Positionierung Franckes gegenüber separatistischen Strömungen vor Ort, die ebenfalls als ‚pietistisch‘ galten und insofern eine Bedrohung der ‚Marke Pietismus‘ darstellten. Die Analyse der adressatenbezogenen Differenzierung nach Stand, Amt und Geschlecht – Francke traf auf seiner Reise Vertreter und vor allem auch Vertreterinnen aller Schichten wie Herzöge und Herzoginnen, Grafen und Gräfinnen, Beamte, Vertreter städtischer Magistrate und deren Ehefrauen und Mägde ebenso wie Pfarrer und Pfarrfrauen – lässt darüber hinaus Einsichten in relativ neue Forschungsfelder wie Adel und Religiosität, Imagebildung in der Frühen Neuzeit sowie Gender und Pietismus erwarten. 
 

Laufzeit

Von: 12/2013

Bis: 05/2016