Anton Weberns Orchesterstücke op. 10 zählen zu den konzentriertesten und zugleich folgenreichsten musikalischen Äußerungen des frühen 20. Jahrhunderts. In diesen extrem verdichteten Miniaturen zeigt sich ein kompositorisches Denken, das aus präzise ausdeterminierten Klangelementen ein organisches Beziehungsnetz hervorbringt – eine strukturelle Dynamik, die die ästhetischen und gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit auf charakteristische Weise spiegelt. Der Vortrag untersucht diese besondere Form musikalischer „Organik“ und zeigt, wie Webern aus atomaren Klanggesten ein Gefüge entwickelt, das sich vom mikroskopischen Detail zur übergeordneten Gestalt spannt. Henry Pousseurs spätere Analyse der „organischen Chromatik“ in Weberns Bagatellen für Streichquartett bietet dabei einen aufschlussreichen Referenzpunkt, der sich auch für die Orchesterstücke op. 10 fruchtbar machen lässt. Die Veranstaltung ergänzt das Seminar kleinzeug, das sich der Tradition musikalischer Miniaturen widmet. Während dort die expressive Verdichtung kleiner Formen im Mittelpunkt steht, führt Weberns Op. 10 exemplarisch vor, wie radikal diese Idee gedacht werden kann: als Musik, die aus dem Klangatom heraus neue Ausdrucksweisen erprobt und damit einen Stil begründet, der weit über seine Zeit hinausweist.