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Drei Tage Klassenzimmer ohne Sicherheitsnetz

Lehramtsstudierende der Universität Siegen haben die komplette Gesamtschule Am Rosterberg übernommen – ohne Lehrkräfte im Hintergrund. Das deutschlandweit nahezu einzigartige Projekt „Schuladoption“ eröffnete authentische Einblicke in den Schulalltag.

studentische Lehrerin im Klassenzimmer

Lautes Stimmengewirr zieht durch die Flure, Schuhe quietschen auf dem Boden, Ranzen schlagen gegen Backsteinwände. Schüler*innen hasten die Treppen hinauf, irgendwo wird gelacht. Es ist ein ganz normaler Morgen an der Gesamtschule Am Rosterberg. Nur eine Gruppe fehlt: die Lehrer*innen. Drei Tage lang liegt die Verantwortung für den gesamten Schulbetrieb in den Händen von 23 Lehramtsstudierenden der Universität Siegen. Unterricht, Pausenaufsicht, Streitschlichtung, Organisation – alles organisieren Studentinnen und Studenten während des Projekts „Schuladoption“ selbst. Lediglich zwei Mitglieder der Schulleitung und Mitglieder der AG Schulpädagogik der Uni Siegen sind vor Ort, um zum Beispiel formale Entscheidungen zu treffen.

„So einen authentischen Blick in die Praxis bekommen die Studierenden nie wieder“, sagte Dr. Jörg Siewert, Sprecher der AG Schulpädagogik an der Universität Siegen, der das Projekt maßgeblich entwickelt und initiiert hat. In der Schuladoption gebe es keine Pufferzone. Anders als im Orientierungspraktikum oder Referendariat stünden die Studierenden ohne Backup vor der Klasse – mit einer anderen Qualität von Verantwortung. Dr. Siewert: „Das Projekt hat deshalb für das Lehramts-Studium an der Uni Siegen eine besondere Bedeutung und hebt noch einmal die Qualität an. Wir sind mehr als zufrieden.“ 

studentische Lehrer*innen im Klassenzimmer

Am Vorabend war die Anspannung noch deutlich zu spüren gewesen: Telefone klingelten, letzte organisatorische Fragen wurden geklärt. Am nächsten Morgen – Tag 1 des Projekts – wirkten die Studierenden wie ausgewechselt: souverän, entschlossen, konzentriert. Sie ignorierten die vereinzelt anwesenden Mitglieder der Schulleitung regelrecht. „Ich bin beeindruckt, wie die Studierenden das hinbekommen haben“, sagte Prof. Dr. Kathrin Racherbäumer aus den Erziehungswissenschaften der Uni Siegen. Die Schuladoption sei eine riesengroße Chance. In üblichen Praxisphasen könnten Universitätsdozierende die Studierenden nicht so eng begleiten. Hier hingegen würden konkrete Situationen gemeinsam reflektiert – etwa, wie die studentischen Lehrkräfte einen Streit schlichteten. Das sei für den späteren Berufsalltag enorm wertvoll. Ebenso, dass keine Lehrer*innen im Hintergrund warten, die bei Bedarf einspringen könnten – jede Frage der Schüler*innen ist eine, die die Studierenden beantworten müssen.

Lehramtsstudierende haben die Chance, sich zu beweisen

Drei Wochen Hospitation waren dem Projekt vorausgegangen. Die Studierenden lernten Klassen und Dynamiken kennen, sprachen in Pausen mit einzelnen Schüler*innen und beobachteten, wie erfahrene Lehrkräfte mit Störungen im Klassenzimmer umgehen. Beziehung sei die Basis allen Lernens, betont Prof. Racherbäumer – deshalb habe es Coachingangebote gegeben, um den Beziehungsaufbau gezielt zu stärken.

Für Marie Voß, Lehramtsstudentin und Projekt-Teilnehmerin, fühlte sich die Schuladoption grundlegend anders an als frühere praktische Erfahrungen. „In anderen Praxisphasen guckt man sehr viel zu.“ Das sei ein bisschen wie Autofahren lernen von der Rückbank aus. „Während der Schuladoption sind wir für uns selbst und unsere Klasse verantwortlich und hatten die Chance, uns zu beweisen.“ Es sei aufregend gewesen, zum ersten Mal vorne zu stehen, doch mit jeder Stunde sei mehr Routine eingekehrt.

Klassenzimmer von hinten: Ein Kind meldet sich

Ein Gewinn für beide Seiten

Die Gesamtschule Am Rosterberg umfasst aktuell die Klassen fünf bis sieben. Einige der etwa 330 Schüler*innen testeten durchaus ihre Grenzen aus. Neue Gesichter, neue Methoden, neue Regeln – teilweise durften sie mitentscheiden, welche Schwerpunkte gesetzt werden. Eine Klasse übte Präsentationen, eine andere arbeitete interessengeleitet in Gruppen. Das etwas geringere Altersgefälle zwischen Studierenden und Schüler*innen schuf eine besondere Nähe, die bei den Schüler*innen gut ankam.

Auch für die Schule selbst war das Projekt ein Gewinn. Als neu gegründete Gesamtschule im Aufbau konnte das Kollegium die drei Tage nutzen, um in den Räumen der Uni Siegen intensive Konzeptarbeit zu leisten. „Das kommt im Alltag sonst viel zu kurz“, sagte Schulleiter Florian Kraft. Die Impulse der Studierenden wolle man auswerten und, wo sinnvoll, in den eigenen Unterricht integrieren.

Für Studentin Marie Voß stand nach den drei Tagen fest, dass sie viel über sich und ihren Berufswunsch gelernt hat. Man könne sich nicht erzählen lassen, was im Klassenzimmer wirklich passiere, sagt sie – man müsse es selbst erleben. Es habe anstrengende Momente gegeben, aber sie habe gemerkt, wie sehr sie die Arbeit erfülle. Siewert ergänzte: „Selbst wenn man nach dem Projekt merkt, dass der Lehrerberuf doch nichts für einen ist, ist das sehr viel wert.“

Vergleichbare Projekte existieren bundesweit nur sehr vereinzelt, etwa an der Europa-Universität Flensburg. Die Idee kommt ursprünglich aus Skandinavien. In Siegen war die Schuladoption ein voller Erfolg – und soll möglichst dauerhaft in Kooperation mit der Gesamtschule Am Rosterberg etabliert werden.

Ansprechpartner*innen

Jörg Siewert

Dr. Jörg Siewert

Akademische*r Oberrat*rätin
Ein Foto von Kathrin Racherbäumer

Prof. Dr. Kathrin Racherbäumer

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