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„Wundersames Fasten“ im frühneuzeitlichen Europa: Eine Studie zur Philosophiegeschichte

Das Projekt untersucht das Phänomen des außergewöhnlichen Fastens im frühneuzeitlichen Europa und konzentriert sich auf Berichte seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts über junge Frauen, von denen behauptet wurde, sie hätten außergewöhnlich lange Zeiträume – manchmal Monate oder sogar Jahre – ohne Nahrung oder Trank überlebt.

 

Professur für Geschichte der Philosophie

 

Gemalte Profilansicht einer Frau

Projektbeschreibung

Zwischen März und September 2025 führte Michele Merlicco ein Postdoc-Forschungsprojekt an der Universität Siegen durch, das von der Heinrich Hertz-Stiftung gefördert und unter der Betreuung von Mario Meliadò durchgeführt wurde. Das Projekt untersucht das Phänomen des außergewöhnlichen Fastens im frühneuzeitlichen Europa und konzentriert sich auf Berichte seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts über junge Frauen, von denen behauptet wurde, sie hätten außergewöhnlich lange Zeiträume – manchmal Monate oder sogar Jahre – ohne Nahrung oder Trank überlebt. Im Unterschied zum mittelalterlichen asketischen Fasten waren diese Fälle weder in anerkannten religiösen Praktiken noch in medizinischen Deutungsrahmen verankert und ließen sich daher nur schwer in bestehende frühneuzeitliche Kategorien der Körperregulierung, Gesundheit und spirituellen Disziplin einordnen.

 

Die Forschung untersucht, wie Philosoph:innen sowie Ärztinnen und Ärzte solche Fälle im Rahmen breiterer Debatten über Leben, Ernährung, Einbildungskraft und körperliche Funktionen interpretierten. Im Mittelpunkt stehen medizinische, philosophische und theologische Texte, die zwischen De puella germanica von Simone Porzio (1542) und A Discourse upon Prodigious Abstinence von John Reynolds (1669) erschienen sind, mit besonderer Aufmerksamkeit für viel diskutierte Fälle wie Margaretha Weiss in Deutschland, Jeanne Balan in Frankreich und Martha Taylor in England. Dieses Projekt ist Teil einer längerfristigen Forschungsagenda zur Geschichte hungerbezogener Störungen in der Frühen Neuzeit.

 

Neben archivarischen und philologischen Forschungen umfasste das Projekt umfangreiche Maßnahmen zur wissenschaftlichen Dissemination. Vorläufige Ergebnisse wurden zwischen März und Juni 2025 in Seminaren und Workshops (Universität Pavia; Universität Siegen) sowie auf internationalen Konferenzen im Juli 2025 (Society for Renaissance Studies, Bristol) und im September 2025 (FINO Graduate Conference, Pavia) vorgestellt. Ein zentrales Ereignis war die Organisation der internationalen Tagung Feasting and Fasting. A Philosophical History of Nutrition, die am 26. Juni 2025 an der Universität Siegen stattfand und ein Forum für interdisziplinäre Diskussionen über Fasten und Nahrungsabstinenz bot. Die Forschung wird in einem wissenschaftlichen Fachaufsatz münden und zudem zu einem geplanten Sonderheft zur philosophischen Geschichte der Ernährung beitragen.

Alles auf einen Blick

  • Icon Kalender

    Laufzeit
    01.03.2025 — 01.09.2025 (beendet)

  • Icon Tag

    Forschungsbereich
    Philosophiegeschichte

  • Icon Abzeichen Euro

    Finanzierung
    Heinrich Hertz-Stiftung

 

Im Rahmen des Projekts durchgeführter Workshop

Plakat des Feasting and Fasting Workshops von Michele Merlicco

 

Projektmitarbeiter

Michele Merlicco ist Research Fellow an der Universität Pavia im Rahmen des ERC-Projekts NEWWORLD – Renewing the World: A Philosophical History of Early Modern Ecology. Er hat Forschungs- und Lehrtätigkeiten in Frankreich (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne), Deutschland (Universität Siegen) sowie in Italien (Istituto Italiano per gli Studi Filosofici; Università di Macerata) ausgeübt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschichte der Renaissance-Philosophie und in der Geschichte der Geisteskrankheiten. Er ist Autor mehrerer Beiträge in internationalen Fachzeitschriften und Mitglied des Herausgebergremiums der Zeitschrift Bruniana & Campanelliana.

Foto von Michele Merlicco