Wenn Geburt zur Krise wird: Literarische Darstellungen von Wochenbett & psychischer Gesundheit.
Dr.‘ Marcella Fassio (Halle)
Die Geburt eines Kindes wird gesellschaftlich häufig als Moment des Glücks gerahmt. Doch was, wenn die Zeit danach von mentaler Erschöpfung, Angst und Entfremdung geprägt ist? Der Vortrag geht der Frage nach, wie Literatur das oft tabuisierte Erleben des Wochenbetts und seiner psychischen Krisen zur Sprache bringt. Im Mittelpunkt stehen hierbei drei Romane, die mehr als ein Jahrhundert trennt: Helene Böhlaus Halbtier! (1899), Gabriele Reuters Ellen von der Weiden (1900) und Olga Ravns Meine Arbeit (dän. Mit arbejde, 2020). Böhlau und Reuter schreiben um 1900 gegen ein bürgerliches Frauenbild an, das Frauen auf ihren Körper, ihre Funktion als Ehefrau und selbstlose Mutterschaft festlegt. Ravn erkundet in einer fragmentarischen, autobiografischen Form, wie sich Mutterschaft, Schreiben und seelische Krise ineinander verschränken. Wie erzählen die Texte von Überforderung und Identitätsverlust? Welche Sprache finden sie für ein Leiden, das lange als unsagbar gilt? Und was verrät der Vergleich über den Wandel und die Beharrlichkeit gesellschaftlicher Mutterbilder?