Eine Kooperation vom Zentrum für interdisziplinäre Gesundheitsforschung Siegen (ZiGS) und Gender Studies Siegen (Gestu_S)
Veranstaltungsort: Raum US-C 102 im Hörsaalzentrum Unteres Schloss | Unteres Schloss 3 | 57072 Siegen
Mi, 28.10.2026, Dr. Olaf Gaus: Gesundheit und Geschlecht im digitalen Zeitalter – eHealth, Algorithmen und die Frage: Für wen funktioniert digitale Medizin? (Siegen)
Mi, 25.11.2026, Prof. Dr. Christoph Strünck: Gender in der Gesundheitspolitik: Randaspekt oder hohe Relevanz? (Siegen)
Mi, 16.12.2026, Dr.‘ Sarah Eitze: Geschlechtersensible Medizin: Was wir wissen und wie wir darüber sprechen. (Erfurt)
Mi, 27.01.2027, Dr.‘ Marcella Fassio: Wenn Geburt zur Krise wird: Literarische Darstellungen von Wochenbett & psychischer Gesundheit. (Halle)
Olaf Gaus, Gesundheit und Geschlecht im digitalen Zeitalter – eHealth, Algorithmen und die Frage: Für wen funktioniert digitale Medizin?
Algorithmen, Apps und smarte Wearables sollen die Medizin präziser, persönlicher und zugänglicher machen. Doch für wen funktioniert digitale Medizin tatsächlich? Der Vortrag zeigt, dass Gesundheit weder biologisch noch sozial geschlechtsneutral ist – und dass sich diese Unterschiede in digitale Anwendungen einschreiben: in Diagnose-Algorithmen, die bei Frauen weniger zuverlässig erkennen, in Sensoren, die auf bestimmte Körper kalibriert sind, und in Trainingsdaten, die lange vor allem Männer abbilden.
Entlang dreier Lücken – Daten, Zugang und Politik – wird analysiert, wo eHealth bestehende Ungleichheiten verstärkt, etwa durch den digitalen Gender Gap, unterschiedliche digitale Gesundheitskompetenz oder fehlende Vorgaben im EU AI Act. Zugleich zeigt der Vortrag Beispiele, in denen geschlechtersensibles Design bereits gelingt – von der kardiovaskulären Risikobewertung über Femtech bis zu digitalen Angeboten für die psychische Gesundheit – und stellt ein Fünf-Ebenen-Modell vor, wie digitale Medizin für alle funktionieren kann.
Christoph Strünck, Gender in der Gesundheitspolitik: Randaspekt oder hohe Relevanz?
Gendersensible Medizin bekommt mehr Bedeutung: Unterschiedliche Risikofaktoren, unterschiedliche Krankheitsbilder, aber auch unterschiedliches Gesundheitsverhalten von Männern und Frauen erfordern, dass sich Forschung und Versorgung besser auf solche Differenzen einstellen. Doch wie sieht es in den Institutionen aus? Die Medizin ist (in ihren Leitungsfunktionen) männlich dominiert, die Pflege hingegen weiblich. Dass wir in Deutschland nach wie vor eher eine „Krankenversorgungspolitik“ (Christian von Ferber) als eine „Gesundheitspolitik“ haben, mag auch mit einem männlich geprägten Blick auf Hochleistungsmedizin zusammenhängen. Andererseits hat die Feminisierung der Medizin dafür gesorgt, dass neue Versorgungskonzepte wie Medizinische Versorgungszentren immer populärer werden. Welche Relevanz besitzen Genderfragen daher für gesundheitspolitische Entscheidungen? Was lernen wir aus der randständigen Rolle von Prävention und Gesundheitsförderung, aber auch der unterschiedlichen Stellung der Gesundheitsberufe über Geschlechterverhältnisse? Der Vortrag versucht sich thesenhaft diesen Fragen zu nähern und empirische Einschätzungen zur Diskussion zu stellen.
Sarah Eitze, Geschlechtersensible Medizin: Was wir wissen und wie wir drüber sprechen.
Warum erkranken Frauen oder Männer an manchen Krankheiten unterschiedlich? Warum werden bestimmte Symptome bei Frauen später erkannt – und weshalb sind Medikamente und medizinische Leitlinien nicht immer für alle Geschlechter gleichermaßen erforscht? Geschlecht spielt in der Medizin an vielen Stellen eine Rolle: von biologischen Mechanismen über Symptome, Diagnostik und Therapie bis hin zu Risikowahrnehmung und Gesundheitsverhalten. Gleichzeitig ist „Geschlecht“ längst nicht nur eine wissenschaftliche Kategorie, sondern auch Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Debatten.
Der Vortrag nimmt die Entwicklung der geschlechtersensiblen Medizin in den Blick, zeigt anhand verschiedener medizinischer Fachbereiche allgemeinverständlich, was die Forschung heute über geschlechtsspezifische Unterschiede weiß – und wo die Evidenz noch Lücken aufweist. Als Gesundheitspsychologin richte ich dabei einen besonderen Blick auf die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse über Geschlecht verständlich und differenziert vermittelt werden können.
Marcella Fassio, Wenn Geburt zur Krise wird: Literarische Darstellungen von Wochenbett & psychischer Gesundheit.
Die Geburt eines Kindes wird gesellschaftlich häufig als Moment des Glücks gerahmt. Doch was, wenn die Zeit danach von mentaler Erschöpfung, Angst und Entfremdung geprägt ist? Der Vortrag geht der Frage nach, wie Literatur das oft tabuisierte Erleben des Wochenbetts und seiner psychischen Krisen zur Sprache bringt. Im Mittelpunkt stehen hierbei drei Romane, die mehr als ein Jahrhundert trennt: Helene Böhlaus Halbtier! (1899), Gabriele Reuters Ellen von der Weiden (1900) und Olga Ravns Meine Arbeit (dän. Mit arbejde, 2020). Böhlau und Reuter schreiben um 1900 gegen ein bürgerliches Frauenbild an, das Frauen auf ihren Körper, ihre Funktion als Ehefrau und selbstlose Mutterschaft festlegt. Ravn erkundet in einer fragmentarischen, autobiografischen Form, wie sich Mutterschaft, Schreiben und seelische Krise ineinander verschränken. Wie erzählen die Texte von Überforderung und Identitätsverlust? Welche Sprache finden sie für ein Leiden, das lange als unsagbar gilt? Und was verrät der Vergleich über den Wandel und die Beharrlichkeit gesellschaftlicher Mutterbilder?